Essay

Mafia III: Warum niemand und jeder es spielen muss

Die unterdurchschnittliche PC-Portierung von Mafia III hat bei seiner Erscheinung so einigen Staub aufgewirbelt und für Drama in vielen Foren gesorgt. Jetzt, nachdem die ersten Patches erschienen sind und sich der Staub wieder etwas gelegt hat, ist der allgemeine Konsens, dass Mafia III ein durchschnittliches Open-World Spiel, das etwas eintönig wird. Zu Mafia III gibt es allerdings etwas mehr zu sagen als nur das.

Mafia III startet mit einem eindrucksvollem Prolog, der einen direkt in die Action der Aufstiegsgeschichte des afro-amerikanischen Vietnam-Veterans Lincoln Clay versetzt. Schnell wird klar, dass Lincoln die Brutalität des Krieges im fiktiven New Orleans (New Bordeaux) der 60er Jahre nicht so einfach wieder los wird. Während er im Krieg noch als Held gefeiert wurde, muss er sich jetzt in einer Welt voller Diskriminierung gegenüber Afro-Amerikanern zurecht finden. Dabei helfen ihm alte und neue Freunde aus der organisierten Verbrechenswelt. Früh im Spiel wird jedoch klar, dass Freunde in dieser Welt nicht selbstverständlich sind. Der italienische Mafiaboss Sal Marcano lockt ihn nämlich am Ende des Prologs in einen Hinterhalt. Lincolns Mission wird durch dieses Ereignis schnell deutlich: Rache. Unterstützung findet er dabei von seinem alten Army Freund John Donovan – ein CIA Agent, der Sal Marcano ebenso lieber tot als lebendig sehen will. Damit ihnen das gelingt folgen sie dem Motto: „Die Feinde meiner Feinde, sind meine Freunde“. Im Verlauf von Mafia III sucht Lincoln die Loyalität der Anführer der drei mit Marcano konkurrierenden Verbrecherbanden auf. Das Gesuch nach Rache schweißt sie dabei zusammen.

Die brutale Rachegeschichte von Lincoln ist filmisch inszeniert und wird in Form einer Dokumentation (ähnlich dem Film Cocaine Cowboys) dargestellt. Der Plot der Geschichte ist dabei sehr vorhersehbar, erfüllt aber alle Rachegelüste, die Lincoln im Laufe der 20-30 Stunden Spielzeit aufgebaut hat. Doch wie spielt sich Mafia III?

Mafia III öffnet sich dem Spieler langsam. Alle Mechaniken des Spiels stehen dem Spieler erst nach einigen Stunden Spielzeit zur Verfügung. Es gilt dann die einzelnen Bezirke von New Bordeaux einzunehmen. Der Spieler sucht sich dazu. auf der Stadtkarte, eine von Marcano geführte Einrichtung aus. Mal ist dies ein Strip-Club aus dem Lincoln, die in die Sexarbeit gezwungenen Frauen befreien muss. Ein anderes Mal ist dies ein Casino, aus dem man Marcanos Vorräte stehlen muss. Die Mechanik bleibt aber immer dieselbe: Schleiche oder stürme mit gezogener Waffe in die jeweilige Einrichtung und richte soviel monetären Schaden wie möglich an. Dies lockt dann einen untergeordneten Gangsterboss von Marcano an, den Lincoln entweder verhören und töten kann. Die stillgelegte Einrichtung darf Lincoln dann an einen seiner 3 Unterbosse neu verteilen. Wer dabei welche und wie viele Einrichtungen erhält, bestimmt ihre Loyalität gegenüber Lincoln. Hat der Spieler dann genug Einrichtungen in einem Bezirk übernommen öffnet dies wiederum die längeren Missionen, die die Geschichte vorantreiben. Diese Struktur ist der Kern von Mafia III, welche der Spieler immer und immer wieder wiederholen muss. Die schiere Anzahl dieser, relativ uninteressanten, Nebenmissionen erdrücken allerdings auf Dauern. Ab einem gewissen Punkt wollte ich nur noch schnell durch zur nächsten, toll inszenierten Hauptmission kommen.

Kann ich Mafia III also empfehlen? Nein, niemand muss Mafia III gespielt haben.

ABER:

In meinem letzten Blog-Eintrag habe ich die Spielwelt als einen Eckpfeiler des Videospielmediums beschrieben. Die Spielwelt verlangt vom Spieler ein abstraktes Denken, sodass er die etablierten Mechaniken sinnvoll in seinem Spielplatz anwenden kann. Mafia III verschweißt seine Mechaniken eng an seine Spielwelt und schafft es so dem Spieler nicht nur die Kontrolle über Lincoln Clay zu geben, sondern gibt ihm das Gefühl ein Teil von New Bordeaux zu sein.

Dieses enge Verschmelzung von Mechaniken und Spielwelt fühlt der Spieler bereits in der Steuerung von Lincoln und dem Fuhrpark. Alles fühlt sich etwas träge an ohne das es zur Last wird. Lincoln und sein Fuhrpark der 60er haben ein Gewicht in sich. Autos brechen im Heck aus wenn man aufs Gas tritt, wie man es von einem Oldtimer erwarten würde. Wird Lincoln angeschossen, ist das nicht nur ein Abzug des Lebensbalken, sondern geschieht mit einer Wucht, die Lincoln in seinem Gang zum Stoppen bringen kann. Ebenso verhält es sich mit Lincolns Feinden. Kugeln schlagen mit einer Brutalität in die Körper der Feinde und lassen diese taumeln und umfallen. Dies geschieht allerdings mit einem kleinen Zwinkern, denn es scheint als ob Feinde, die neben einer Wand oder einem Geländer stehen sich beim Tod bewusst in oder über dieses schmeißen. Die daraus resultierende (teilweise unfreiwillig komische) Todesanimation wirken wie aus einem Film der 60er – passend zum Setting von Mafia III.

Obwohl das Einnehmen der verschiedenen Bezirke etwas eintönig und wenig fordernd ist, so fühlt sich jeder Schusswechsel an, als würde man einen alten Action-Film spielen.

Dieser pure, dumme Spaß steht allerdings im Kontrast mit dem brutal realem Setting des Spiel. Diskriminierung existiert wirklich und auch das lässt Mafia III seinen Spieler spüren. Es ist etwas schade, dass dem Spieler nur die Sprache der Gewalt zur Verfügung steht ist allerdings zu verkraften wenn man Lincoln die Identität eines Vietnam-Veterans zuschreibt, der nie vom Krieg los gelassen hat. Lincoln ist kein Opfer dieser Welt und sein Charakter macht sich auch nie zu diesem. Er ist ein geschulter Killer auf der Suche nach Rache und ist seinen Feinden stets überlegen. Dies wird im Verlauf der Hauptmission deutlich unterstrichen. Ich als Spieler fühlte mich daher schnell sehr sicher in New Bordeaux, bis ich an einem Polizeiauto vorbeigefahren bin. Ein blauer Ring, der mir die Position der Polizei anzeigt, erschien. Das Spiel gibt mir das Feedback beobachtet zu werden. Anfangs habe ich mich gewundert, weshalb die Polizei so aufmerksam auf mich war, ich habe doch nichts illegales gemacht. Erst später, als ich in ein Lokal lief und der Besitzer die Polizei aufgrund meiner Hautfarbe rief, wurde mir wieder bewusst wo und wer ich in dieser Welt bin.

Eine weitere interessante Mechanik: Ruft jemand die Polizei, wird diese in Bezirken, die hauptsächlich von Schwarzen bewohnt werden wenig oder keine Präsenz zeigen. Erst in den reichen, weißen Bezirken machen sich die Polizisten die Mühe Straftaten tatsächlich nachzugehen.

Doch Lincoln baut sich trotz aller Diskriminierung ein Imperium auf und verhilft sich zu Macht. Und auch diese Macht bekommt der Spieler durch Feedback der Spielwelt zu spüren. Wird man von Feinden verfolgt findet man in seinen eigenen Bezirken schnell Verstärkung, die einem im Schusswechsel zur Seite stehen. Je nach dem welchem Unterboss der Spieler diesen Bezirk zugewiesen hat, entscheidet auch welche Unterstützung er erhält. In Form von Loyalität der Unterbosse erhält der Spieler diverse Upgrades zu seinem Repertoire.

Waffen besorgt sich Lincoln aus einem Van, den er jederzeit rufen kann, Autos können ihm von seinen Unterbossen geliefert werden und Geld erhält er durch Einnahmen der übernommen Einrichtungen Alle Mechaniken in Mafia III sind tief verwurzelt in seiner Spielwelt und machen thematisch Sinn. So erhält der Spieler ein optimales Feedback zu seiner Identität in New Bordeaux. Dies fängt an bei der Steuerung, geht über Polizeimechaniken, hin zu Machtspielen zwischen Verbrecherbanden und zieht sich bis zu dem großartigem Soundtrack.

Kann ich Mafia III also empfehlen? Ja, jeder muss Mafia III gespielt haben.

Ein Kommentar zu „Mafia III: Warum niemand und jeder es spielen muss

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