Essay

Es ist in Ordnung schlecht zu sein

Gestern habe ich darüber geschrieben, wie Overwatch und PlayerUnknown’s Battlegrounds mich mit ihren Sounddesign fesseln konnten. Beide Spiele legen ihren Fokus auf Online-Multiplayer und ich spiele sie immer noch regelmäßig. Dabei bin ich eher ein Solo-Spieler. Ich spiele eigentlich ungerne mit fremden Menschen online. Wer schon einmal im Internet war und sich diverse Kommentarsektionen durchgelesen hat, weiß zu was fremde, anonyme Menschen in der Lage sind. Der soziale Fokus von Online-Spielen ist etwas das mich fasziniert und gleichzeitig abschreckt.

Videospiele sind zum Teilen da

Videospielen ist stereotypisch ein sehr einsames Hobby. Das Bild eines verkümmerten Höhlen-Nerds, der mit bleicher Haut im dunklen Keller sitzt ist trotz einer gefühlt stets wachsenden Videospielakzeptanz noch immer weit verbreitet. Ich bin mir dessen selbst sehr bewusst, währenddem ich in einem abgedunkeltem Zimmer (die Sonne spiegelt im Monitor!) einen langen Text über Videospiele verfasse. Aber ich will das Hobby Videospiel nunmal teilen, so wie man es früher auch schon getan hat. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf erinnere ich mich an einen Tag, an dem ich von den anderen Kindern draußen gehört habe, dass der Junge, der neben dem Sportplatz wohnt,  das neue Mario Kart besitze. Da es sich um ein kleines Dorf handelte kannte jeder jeden und wir wussten schnell wer genaj das Kind war. Problem nur: Niemand kannte ihn persönlich. Er war etwas ein Außenseiter. Aber hey, wir wollen Mario Kart spielen also lag es letztlich an mir allen Mut in mir zu sammeln und bei dem fremden Jungen zu klingeln um eventuell Mario Kart ausleihen zu dürfen. Ich klingelte und erklärte seinem Vater warum ich hier bin. Letztlich sprach ich mit dem Jungen und er sagte, dass ich selbstverständlich sein Mario Kart ausleihen könnte. Es sei nämlich alleine etwas langweilig. Er ging kurz in sein Zimmer und kam zurück mit einer N64 Cartridge von Mario Kart. Mist.. Ich hatte nur einen Super Nintendo! Lange Rede kurzer Sinn: Ich habe mich mit dem fremden Jungen befreundet und mit ihm auf seinem N64 Mario Kart spielen können. Videospiele verbinden. Auch „Außenseiter“ können einen Anschluss finden und Freundschaften aufbauen.

Die Idee von Online-Multiplayer ist also fantastisch. Das ich mit einer virtuellen Figur hunderte solcher Fremde, wie den Jungen neben dem Sportplatz kennenlernen könnte und neue Freundschaften schließen wüde, klingt fantastisch. Ganz egal welches Genre von Videospiel, solange es einen Online-Modus gibt, werde ich einfach neue „Videospiel-Freunde“ finden, oder? Ganz so einfach ist es dann leider doch nicht. Denn die Atmosphäre die ein Online-Spiel bietet ist eine andere, als die, die eine Gruppe Kinder auf dem Spielplatz kreiert.

Wettkampfgeist und die Freude am Spiel

Seit meinem Mario Kart Erlebnis habe ich in meinem Leben hunderte weitere Spiele gespielt. Eine Vielzahl davon boten auch einen Online-Modus. Sei es Counter-Strike, Diablo, Star Craft, Street Fighter, Mortal Kombat, World of Warcraft oder Final Fantasy 14 oder sonst ein Spiel. Immer denke ich mir, dass dies mein auserwähltes Spiel sein wird. Meine Platform um mich Online wohl zu fühlen. Um Gleichgesinnte kennen zu lernen. Aber immer wieder gebe ich das Spiel wieder auf. Manchmal schnell und manchmal lasse ich mir Zeit (ihr wollt meine Spielzeit in FF14 nicht wissen) . Letzten Endes stoße ich aber immer auf zwei Probleme: Meine eigene soziale Unfähigkeit und allen anderens soziale Unfähigkeit. Der Kern liegt natürlich im Wettkampfgeist, den Online-Spiele auslösen. Niemand will der Spieler sein, der alle anderen zurückhält. Der letzte zu sein heißt im Rampenlicht zu stehen für etwas, dass man öffentlich nicht zeigen will. Es ist einfach zu akzeptieren nicht der Erste zu sein. Es wird schließlich immer jemand geben, der besser ist. Aber Letzter? Das heißt zuzugeben, dass ich nicht weiß was ich tue, das heißt sich vor seinem Team rechtfertigen zu müssen, das heißt nicht mehr Teil vom Team sein zu dürfen. Letzter sein bedeutet Einsamkeit. Das Gegenteil von meiner Vision von Online-Spielen als soziale Platform.

Ich verstehe natürlich, dass diese Angst Letzter zu sein, eine persönliche ist. Manche nehmen es sicher schwerer zu Herzen als andere. Es gehört immerhin zum Wettkampf dazu kompetitiv zu sein und andere anzuspornen und seine eigenen Limits zu durchbrechen. Etwas „Trash-Talk“ ist dabei ganz natürlich und will ich auch nicht verbieten. Wenn aber ein anderer Spieler lauthals über das Liebesleben meiner Mutter oder meine sexuelle Orientierung diskutieren will, verliere ich sofort allen Spaß am Spiel. Es ist nicht, dass ich solche Kommentare persönlich nehme. Immerhin ist meine Mutter auch nur ein Mensch und meine sexuelle Orientierung nicht öffentlich. Wenn Fremde also darüber in einem Online-Spiel diskutieren möchten, haben sie vielleicht einen Punkt und ich brauch nur eine dickere Haut? Wieviel „Trash-Talk“ ist in Ordnung? Genau hier habe ich ein Problem mit den meisten Online-Spielen.

Mehr Positive Bestärkung bitte

Videospiele sollen sowohl für alle Arten von Spieler da sein, als auch das Versprechen bieten eine gewisse Heldenfantasie ausleben zu dürfen. Videospiele sollen uns gut fühlen lassen, sie sind eine Ausflucht aus dem Alltagstrott. In Videospielen retten wir mit wenig Mühe die Welt, sind professionelle Athleten oder spielen Gitarre wie ein Rockstar. Ebenso wird dann in einem kompetitiven Online-Setting erwartet, dass ich Schießen kann wie Rambo und Taktiken planen kann wie Napoleon. Manche Spieler können das auch und sind die eSports Meister, die z.B. später diesen Monat in „The International“ gegeneinander antreten. Oder sie sind die Spieler, die einen neuen Raid in FF14 oder WoW in der ersten Nacht schaffen werden. Auf so ein Level zu kommen kostet aber viel Zeit und Hingebung, die die allermeisten Spieler nicht haben. Trifft dann ein Spieler mit eSports Aspirationen auf einen Spieler, der nach einem langen Arbeitstag nur entspannen will, kann es Reibungen geben. Der eine denkt, der andere wäre ein Kind mit zuviel Zeit, der andere findet die Mama seines Gegenübers wäre nach Sonnenuntergang zu einladend. Beides ist nicht wahr. Oder es ist wahr. Ganz egal, beide haben den gemeinschaftlichen Faktor des Spiels vergessen.

Single Player Spielen fehlt dieser soziale Faktor. Auch Single-Player Spiele benötigen ein gewissen Grad an Finesse um sie meistern zu können, aber wir vergleichen uns nie in Echtzeit mit anderen Spielern. Dieser Vergleich zwischen Gut und Schlecht und dem Drang auf einer „richtigen“ Art spielen zu müssen, tötet  den Gemeinschaftsgeist um Platz zu machen für den Wettkampfgeist. Das diese zwei Geister aber zusammengehören, beachten viele Online Spiele nicht.

Overwatch war für mich das erste Online-Spiel das genau hier eingehakt hat. Zum einen bietet es Rollen für jede Art von Spieler. Man muss nicht Schießen wie Rambo um sich in Overwatch gut fühlen zu können. Zum anderen gibt Overwatch beinahe kein negatives Feedback an seine Spieler. Es gibt keine „Kill/Death Ratio“ und auch kein Leaderboard das einen Letztplatzierten zeigt. Niemand wird auf einer Rangliste bewertet und verurteilt. Alle tragen einen Teil zum Spiel bei, nur manche etwas mehr als andere und das ist OK! Nun hat sich seit dem Release von Overwatch eine Menge in der Community getan und auch hier hat sich ein „Meta“ gebildet das eSports Visionären den „richtigen“ Weg zum Spiel zeigt. Und natürlich kann es auch hier zu Reibungen im Team kommen. Aber Overwatch nimmt diese bereits vom Spieldesign an weg. Damit soll nicht gesagt sein, dass andere Spiele etwas falsch machen. Overwatch nimmt allerdings den sozialen Druck aus dem Online-Videospiel Umfeld. Es ist auch schön zu sehen, dass Blizzard diesen Weg weiter verfolgen möchte und erst kürzlich härtere Strafen für Spieler angekündigt hat, die das Spielerlebnis für andere vergiften.

Vieles an dem ich mich in Online-Spielen störe ist mein persönliches Problem. Wäre ich etwas dickhäutiger, würde vieles wohl an mir abprallen. Aber dickhäutig sein kann nicht die Lösung für ein angenehmes soziales Online-Umfeld sein. Wenn ich einem Fußballverein beitrete, ohne vorher Fußball gespielt zu haben, werde ich auch von anderen Spielern unterstützt und bestärkt. Natürlich gibt es auch hier „Trash-Talk“ aber Teamgeist und positive Bestärkung wird nicht vergessen. Denn alle sind Teil vom Team, egal wie gut oder schlecht. Wenn Videospiele mehr positive Bestärkung bieten würden, könnte eventuell auch hier wieder der Gemeinschaftsgeist aufleben.

Für mich persönlich habe ich durch Overwatch aber entdeckt, dass es ok ist schlecht zu sein. Ich bin nicht immer der Erste und eventuell bin ich manchmal sogar der Letzte, aber das macht nichts. Solange ich meinen Teil beigetragen habe, fühle ich mich gut und das Spiel hat seinen Zweck erfüllt. Denn man muss nicht der Beste sein um Spaß am Spiel zu haben. Und Letzter sein ist nicht das Ende der Welt. Wir sind im Spiel alle Online um Spaß zu haben und unser Hobby zu teilen. Vielleicht klappt es dann auch wieder leichter neue Kontakte zu knüpfen.

Damit Online-Spiele erfolgreich bleiben und neue Menschen anziehen können, liegt viel in unser Verantwortung als Spieler. Wir müssen positiv bleiben und das Spiel mit anderen Teilen anstatt sie zu verjagen.
Die Wörter des Tages für Projekt August waren: social, disturbance

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